Von unseren Gästen

Dr. Helmut Zolles ein Gast in Drosendorf

Auch wenn es sich derzeit aufdrängen würde- hier ist nicht von den polithygienischen Zuständen im Lande die Rede, sondern von der Lösung eines Problems, das sich vielen Eltern zur Ferienzeit stellt: Wohin mit den lieben Kleinen, wenn der gemeinsame Urlaub schon absolviert ist und noch Wochen anstehen, in denen beide Elternteile arbeiten müssen und nicht wissen, wie sie ihren Nachwuchs von  Spielkonsole und Smartphone fernhalten können. Von Ferienspielen in fast jeder größeren österreichischen Stadt bis zum American Summercamp am Meer reicht die Palette einschlägiger Angebote. Eine ganz besonders originelle Lösung wird in Drosendorf an der Thaya angeboten. Einem kleinen Städtchen weit oben im Waldviertel (eine Lagebeschreibung, die natürlich jedem Geographieprofessor die Zornesröte ins Gesicht treiben würde) nahe der tschechischen Grenze, umgeben von einer komplett erhaltenen Stadtmauer aus der Zeit König Ottokars. Dort hat ein Circus sein Zelt aufgeschlagen. Nicht irgendeiner, sondern ein Trainingslager für Buben und Mädchen, die unter der hingebungsvollen Anleitung zweier erfahrener Artisten und Theaterleute innerhalb einer Woche darin ausgebildet werden, auf großen Kugeln zu balancieren, mit Bällen und Keulen zu jonglieren, übers Drahtseil zu spazieren und mit dem Einrad  elegant durch die Manege zu kurven. Die angehenden Jungartisten wohnen in Circuswägen, sitzen am Abend am Lagerfeuer und haben nach einer kurzen Entwöhnungsphase auch schon vergessen, wozu Fernsehapparate überhaupt da sind. Dafür freuen sie sich überschwänglich, am Ende der Woche ihren begeisterten Eltern vorführen zu können, was sie alles gelernt haben.

 

Ein Angebot, das ganz hervorragend ins Waldviertel passt. Jene Gegend Österreichs von spröder Schönheit, wo verträumte Schlösser, mächtige Klöster, Sonnenblumenfelder, Karpfenteiche und romantische Seen ein Rückzugsgebiet für Individualisten abstecken, die vor allem eines brauchen: Viel Platz. Genau richtig also für ein Circus-College der besonderen Art. Bleibt dann nur noch eine kleine Frage zu klären: Wohin mit den Kindern in der nächsten Woche?

Norbert Hasneöhrl,  ein Gast in Drosendorf

 

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Drosendorf im österreichischen Waldviertel ist ein Ort, an dem man sich entschleunigen kann und den der Massentourismus wahrscheinlich nie entdecken wird.
Irgendwann ist das Waldviertel zu einer Art Aussteiger-Refugium geworden, wovon selbst in Drosendorf noch ein Jazzkeller und ein recht einzigartiger Filmclub Zeugnis ablegen. Andererseits war da bis 1989 der Eiserne Vorhang, eine tote Grenze, die aber vielleicht sogar ein bisschen was dazu beigetragen hat, dass dort oben noch nicht alles so furchtbar fortschrittlich ist.


Das Schloss und die Linden:
Wer nach Drosendorf kommt, macht unter anderem die Erfahrung, dass Wohnen im Schloss nicht teuer sein muss. Das dortige Schloss, dessen allererster Bau sogar noch den Babenbergern gehörte, ist heute im Besitz der gräflichen Familie Hoyos, aber verpachtet an die Landarbeiterkammer Niederösterreich, eine sonderbare Allianz. Sie führt aber dazu, dass man dort, in der "Bildungsstätte Drosendorf", zu durchaus vernünftigen Preisen durchaus abenteuerlich schöne Zimmer mit ebensolchem Ausblick bewohnen kann, und das ganz ohne jeglichen modernen Fünfsterne-Schnickschnack, sondern eher mit dem ans Herz greifenden Charme des Alten, Knarrenden, etwas Verstaubten.
Wenn man den Schlosshof betrifft und fünf Minuten dort verweilt, hat man keine Eile mehr. Man kann dann zum Beispiel in sein Zimmer gehen, das ungefähr fünf bis sechs Meter hoch ist und mindestens über Stuckdecken und einen Kachelofen verfügt, vielleicht auch über einen Blick auf das Thayatal, denn die Thaya macht eine richtige Schlinge rund um den Ort, dessen ältester, noch heute von Resten einer Stadtmauer umgebener Teil auf einem steilen Hügel liegt. Man kann aber auch spazieren gehen, es gibt einen Spazierweg, der ganz rundherum führt, geteilt in die "Sommerpromenade" und die "Winterpromenade". Ein Teil dieser Sommerpromenade wird gesäumt von Linden, die 1740 zur Feier des Regierungsantritts von Maria Theresia, gepflanzt wurden. Es empfiehlt sich, Lektüre mitzunehmen und den Spaziergang an einer der zahlreichen Sitzgelegenheiten, die entlang der Promenaden stehen zu unterbrechen.


Drosendorfs große Stunde:

Wenigstens einmal hat Drosendorf auch in der größeren Geschichte eine Rolle gespielt, als es im Jahr 1278 16 Tage lang der Belagerung Ottokars von Böhmen standhielt, der nicht zuletzt deshalb den Krieg gegen Rudolf von Habsburg verlor. Dies führte zur - dann bekanntlich noch bis 1918 dauernden -- Herrschaft der Habsburger über Österreich und zur Verleihung des Stadtrechts an das kleine, aber stolze Drosendorf. Viele Details zur alten und neueren Stadt lassen sich auf der Website der Stadt Drosendorf nachlesen.


Und was tut man also dort?


Das Leben pulsiert nicht in Drosendorf, es fließt eher auf eine nicht immer ganz begreifliche Art. Man sitzt in der Früh in einem wunderschönen alten Gewölbe, das heute den Frühstücksraum der Frühstückspension im Schloss darstellt. Man geht spazieren, wandern oder an die Thaya baden, wenn's denn warm genug ist. Man geht am Abend essen in das einzige Gasthaus im Ort, das diese Bezeichnung verdient. Man sitzt auf der Terrasse (also eigentlich auf der Stadtmauer) und schaut der Sonne zu, die es mit dem Untergehen auch nicht sonderlich eilig hat. Und dann geht man, gesättigt und erheitert, die paar hundert Meter vom Wirten zum Schloss zurück, vorbei am alten, aber bewohnten Schüttkasten und der Freiwilligen Feuerwehr, über den heute trockenen Burggraben und das alte Tor hinein ins Schloss, vergewissert sich, dass im Schlosshof inzwischen absolut nichts passiert ist und der Brunnen immer noch plätschert. Und bevor man sich auf den Weg in sein Zimmer macht, ist man plötzlich und völlig unerklärlich glücklich, dass es all das noch gibt.